Fülle ist nicht das Gegenteil von Mangel. Dieser Satz begleitet mich seit einigen Tagen.
Heute am 7.7. scheint in meinem Leben gerade vieles gleichzeitig in Fülle zu sein.
Seit Januar haben wir eine Photovoltaikanlage auf unserem Dach. Seit März kaufen wir praktisch keinen Strom mehr. Sie produziert mehr Energie, als wir selbst verbrauchen können. Das Faszinierende daran ist nicht einmal die Technik. Das Faszinierende ist das, was sie in mir auslöst.
Jahrzehntelang habe ich gelernt, Strom zu sparen. Licht aus. Stecker ziehen. Immer eher aufpassen. Und plötzlich ist da mehr Energie, als wir im Moment brauchen. Ich merke, wie mein Kopf noch in den alten Mustern denkt, obwohl die Wirklichkeit längst eine andere geworden ist.
Und dann ist da noch mein Hochbeet. Fast jeden Tag gehe ich hinaus und ernte eine große Schüssel Rucola. (Natürlich weiß ich, dass irgendwann der Herbst kommt und diese Zeit vorbei sein wird😉). Aber darum geht es hier gar nicht.
Mich hat mein erster Gedanke überrascht: "Jetzt müsste er doch langsam weniger werden." Nicht weil ich es sehe oder weil es Anzeichen dafür gibt, sondern weil mein Inneres Knappheit offenbar viel besser kennt als Fülle.
Da wurde mir etwas bewusst. Wir sprechen oft darüber, wie wir lernen können, mit Mangel umzugehen. Aber wie viele von uns haben eigentlich gelernt, Fülle überhaupt anzunehmen?
Nicht nur als Ausnahme oder mit einem schlechten Gewissen. Nicht mit der Angst, sie gleich wieder zu verlieren. Einfach nur als das, was sie in diesem Moment ist. Vielleicht ist Fülle deshalb gar nicht das Gegenteil von Mangel? Mangel richtet den Blick auf das, was fehlt. Fülle richtet den Blick auf das, was da ist. Und beides beginnt nicht im Außen. Aber in unserer Wahrnehmung!
Ich habe in den letzten Wochen immer mehr das Gefühl, dass Fülle nichts mit "immer mehr" zu tun hat, sondern mit Vertrauen. Mit dem Vertrauen, dass das Leben in Zyklen fließt.
Dass etwas entstehen darf. Sich entfalten darf. Sich auch wieder verändern darf. Und dass aus jedem Ende wieder Neues wachsen kann.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Fülle?
Nicht darin, alles festhalten zu wollen. Und vielmehr dem Leben zu vertrauen, dass es immer wieder nachwachsen darf.

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