Auch wenn es draußen gerade sehr laut und unruhig ist und wir noch nicht genau wissen, wie die Konflikte nun eskalieren, möchte ich mich heute bewusst nicht dort festhalten, weil Frieden an einer anderen Stelle beginnt. Näher bei uns. Nicht nur im Großen zwischen Staaten. Ebenso im Zwischenmenschlichen, im Alltäglichen und im Wahrnehmen selbst.
Verschiedene Menschen stehen nicht am gleichen „inneren Ort“. Sie sehen unterschiedlich,
sie fühlen unterschiedlich und sie verstehen unterschiedlich.
Und sie wissen es oft nicht! Genau darin liegt das Dilemma.
Wir erwarten, dass andere erkennen, was für uns offensichtlich ist. Fühlen, was für uns fühlbar ist. Teilen, was für uns wahr erscheint. Wenn das nicht geschieht, entsteht automatisch Spannung,
aus reinem Unterschied heraus.
Vielleicht beginnt Frieden auch genau dort, wo wir erkennen, dass der andere nicht am gleichen Ort steht wie wir selbst. Und dass er es auch nicht muss? Ein erster Frieden beginnt oft nicht damit, dass wir uns dann schnell einig werden. Sondern erstmal damit, dass Unterschied sein darf.
Wir treten parallel gerade in ein Feld ein, das ich auch aus meiner Arbeit in der Traumatherapie sehr gut kenne. Hier werden nun Begriffe wie Rache, Vergeltung und Gegenschlag zunehmend laut im
Raum stehen. Was sich global zeigt, existiert natürlich auch zwischen Menschen. Nicht im gleichen Ausmaß, aber in der gleichen Dynamik.
Im Traumakontext begegnet uns Rache immer wieder. Nicht als „böses“ Gefühl, vielmehr als verständlicher Impuls, der aus Verletzung entsteht. Wenn etwas zutiefst verletzt, Grenzen überschritten wurden und keine Möglichkeit bestand,
sich zu schützen oder sich zu wehren, entsteht Ohnmacht.
Im gleichen Zug trägt Rache oft den Wunsch in sich, diese Ohnmacht nachträglich zu beenden. Das Geschehene umzudrehen. Und ein Gleichgewicht wiederherzustellen. Darum fühlt es sich oft wie
Gerechtigkeit an. Doch sie verschiebt Schmerz
statt ihn zu lösen. Unverarbeiteter Schmerz bleibt wirksam und nährt neue Konflikte.
In der Traumatherapie sprechen wir davon, als Begleiter neutral bleiben zu dürfen – auch wenn in uns sofort Positionen auftauchen. Egal, ob wir Bedrohung sehen, Unrecht empfinden oder Schutzimpulse spüren. Mir geht es hier nicht um die Bewertung von Beteiligten, sondern um das Sichtbarwerden einer Dynamik, die unter Konflikten wirkt.

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